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Vom Vorteil, das Problem zu formulieren

Warum es sich lohnt, die Regeln zu brechen

In 1989 veröffentlichte der schwedische Norstedt Verlag das Buch „Vom Vorteil, das Problem zu formulieren“. Seine Kernaussage: derjenige, der ein Problem als solches erkennt und definiert, hat das Monopol für seine Lösung.

Diese Formulierung erscheint mir zugleich als die präziseste für Agenda Setting. Ob Ausländerkriminalität, Migration, Klimawandel oder Tierschutz, diejenigen, die es gelingt, einen relevanten Teil der Öffentlichkeit für ein Thema zu mobilisieren, beherrschen erstens die Debatte und zweitens wird ihnen zugleich die höchste Löungskompetenz zugeschrieben.

Entsprechend weidlich nutzen Politiker und Interessengruppen ihre Chancen aus, Themen zu setzen. Diesseits und jenseits des großen Teichs.

Wer also in seinem Markt erfolgreich sein will, der finde ein Problem, sorge dafür, dass es seiner Zielgruppe bald unter den Nägeln brennt und reite dann die Welle so lange und gut es geht.

Das Gefährliche an der Methode „Alarm – alle mir nach“ ist, dass (scheinbar) DRINGEND vor WICHTIG geht. Vor allem, wenn die wichtigen Probleme komplex und damit eben nicht einfach zu lösen sind. Denn gerade dann eignen sie sich nicht für Populismus. Oder schlimmer noch, sie werden von Rattenfängern so stark vereinfacht, dass seriöse Fachleute kaum mehr Gehör finden.

Kurz gefasst entwickeln sich die Mechanismen so:

Typ I: Aufbauschbare Probleme > hohe öffentliche Aufmerksamkeit > simple Lösungsversprechen = Magnet für Populismus jeglicher Couleur.

Typ II: Wichtige, aber komplexe Probleme > geringe öffentliche Aufmerksamkeit > kein Lösungsinteresse = Problemfortschreibung und -verschlimmerung.

Aktuelle Meister für Typ I sind in der Politik Die Grünen und die AfD, oder in den USA Donald Trump. Klarer Verlierer die SPD. Möglicherweise derzeit größtes Problem vom Typ II die Nullzinspolitik von EZB & Co, zusammen mit der weltweit rekordhohen Verschuldung, der Blasenbildung bei Vermögenswerten und der zunehmenden sozialen Ungleichheit.

Denken wir die Analyse zuende, wird eine ernsthafte Krise der Demokratie deutlich. Die Politik kann sich dem erfolgreichen Agenda Setting nach Typ I kaum entziehen. Die vermutlich wichtigeren Probleme nach Typ II bleiben dafür aber liegen, sofern die Politik nicht die Qualität hat, die Probleme intellektuell durchdringen und zugleich verständlich formulieren zu können.

Entweder wir erhalten also erheblich bessere Politiker, Motto „Klasse statt Masse“ – speziell in Deutschland mit einem Bundestag größer als jedes andere Parlament der Welt. Oder wir modernisieren die Mechanismen der Demokratie, um mehr Fachlichkeit, weniger Populismus und damit bessere Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen zu erhalten.